{"id":2867,"date":"2013-01-08T13:05:58","date_gmt":"2013-01-08T12:05:58","guid":{"rendered":"http:\/\/heiniger-net.ch\/?p=2867"},"modified":"2013-01-08T13:05:58","modified_gmt":"2013-01-08T12:05:58","slug":"der-bergstrom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/en\/archives\/2867\/der-bergstrom\/","title":{"rendered":"Der Bergstrom"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein M\u00e4rchen.<\/em><\/p>\n<p>Auf einem Felsen mitten im Bergstrom sa\u00df ich und lie\u00df meine F\u00fc\u00dfe hinabbaumeln, dass sie fast die Oberfl\u00e4che der h\u00fcpfenden, kreiselnden Wasser ber\u00fchrten. Hier und da flog mir ein neugieriges Wellchen auf die Schuhspitze, lie\u00df sich von dem Sonnenstrahl k\u00fcssen und entfloh dann &#8211; wie ein sch\u00fcchternes M\u00e4dchen &#8211; wieder in die Tiefe.<\/p>\n<p>Was aber das Sch\u00f6nste war, davon sah und h\u00f6rte sonst niemand etwas &#8211; und das war die Unterhaltung, die die Fluten des Bergstroms mit meinen Schuhsohlen pflogen.<\/p>\n<p>&#8220;Wer seid ihr?&#8221; fragten die Schuhsohlen; denn sie waren weitgereist und eifrig bestrebt, sich zu bilden.<\/p>\n<p>&#8220;Tr\u00e4nen!&#8221; rief eine kleine Welle, \u00fcberschlug sich &#8211; und fort war sie.<\/p>\n<p><!--more-->Die Schuhsohlen stie\u00dfen sich gegenseitig mit den Ellbogen vor Verwunderung &#8211; eine solche Antwort hatten sie sich nicht tr\u00e4umen lassen.<\/p>\n<p>&#8220;Wer hat euch denn aber geweint?&#8221; fragte die linke.<\/p>\n<p>&#8220;Menschen!&#8221; rief eine kleine Welle, \u00fcberschlug sich und verschwand. \u2014<\/p>\n<p>&#8220;Das ist sehr merkw\u00fcrdig&#8221; meinte die rechte Schuhsohle &#8220;da m\u00fcssen wir noch mehr erfahren.&#8221;<\/p>\n<p>Weil sie aber von den fl\u00fcchtigen Wellchen allzuknappe Antworten erhielten, zupften sie den alten runzeligen Felsblock, der, neben ihnen behaglich am B\u00fccken liegend, sich von den Fluten umsp\u00fclen lie\u00df, an seinem Moosbart und baten ihn um n\u00e4hern Aufschluss. Der drehte sich ein wenig auf die Seite und sah sich die beiden Schwestern misstrauisch an; denn er kannte diese Sorte von Lebewesen, die ihm schon oft den Schlummer gest\u00f6rt und den Bart zertrampelt hatten. Da er aber von Natur gutm\u00fctig war und an den jungen frischen Gesichtern, die noch nicht viel auf dem Gewissen haben konnten, Gefallen fand, lie\u00df er sich bewegen, sie aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p>&#8220;Ich bin \u00e4lter als alle Menschen&#8221; sagte er und strich seinen Moosbart.<\/p>\n<p>Die Schuhsohlen blickten ungl\u00e4ubig drein, denn sie hatten keine Ahnung von Naturgeschichte.<\/p>\n<p>&#8220;Als es noch keine Menschen gab, war auf der Erde noch wenig Wasser vorhanden. Wo jetzt das Meer und die Seen und die Str\u00f6me flie\u00dfen, waren bl\u00fchende T\u00e4ler; und wenn man auch vielfach feuchte Strecken fand, so war dies doch nichts im Vergleich zu den heutigen Verh\u00e4ltnissen. Als aber die Menschen kamen, kamen mit ihnen die Sorgen &#8211; und die Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Als kleine Kinder weinten sie schon und als sie gro\u00df wurden und viele hundert Jahre alt, hatten sie wenig Grund es zu verlernen. Und der Wind, der um ihre nassen Wangen strich, nahm die Tr\u00e4nen mit fort und entf\u00fchrte sie in sein luftiges Reich, um mit ihnen zu spielen und fr\u00f6hlich zu sein; denn er war bisher gar einsam gewesen. Ihnen aber wurde das Herz schwer, da sie sehr an der Erde und den Menschen hingen, und als einmal der Wind, von der Sonnenglut ermattet, eingeschlafen war, taten sie sich zusammen und flohen blitzschnell auf ihre liebe Erde herab. Als der Wind erwachte wurde er sehr b\u00f6se und schwor, er wolle die Ungehorsamen schon wieder zur\u00fcckbringen, aber was er auch versuchte, sie an sich zu fesseln, sie entflohen immer wieder aus unbez\u00e4hmbarem Heimweh.<\/p>\n<p>Die Menschen nun nannten diesen Vorgang den &#8216;Regen&#8217;, ohne freilich zu ahnen, dass es die R\u00fcckkehr ihrer eigenen Tr\u00e4nen war. Und im Lauf der Jahrtausende, wo der Menschenkinder immer mehr und mehr wurden, f\u00fcllte der Regen gro\u00dfe Becken und lange Rinnsale, und die Menschen sagten &#8216;dies ist das Meer&#8217; und &#8216;dies sind Str\u00f6me&#8217;, und Gelehrte und Forscher gaben ihnen allerlei Namen und schrieben tiefsinnige B\u00fccher dar\u00fcber; den wahren Zusammenhang aber hat noch keiner ergr\u00fcndet und wird wohl auch keiner ergr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Denn wir Felsen sind \u00e4lter als alle Menschen\u00ab\u00a0sagte er &#8220;und wissen allein die Wahrheit.&#8221; Die beiden Schuhsohlen, die ganz starr geworden waren vor so viel Gelehrsamkeit, machten einen tiefen Knicks, dass sie bis ins Wasser hineintauchten vor lauter Dankbarkeit und Ehrfurcht. Sie w\u00fcssten freilich nichts dergleichen zu erz\u00e4hlen, sie seien noch zu jung und ohne viel Erfahrung.<\/p>\n<p>&#8220;H\u00f6chstens &#8211; &#8221; meinte sch\u00fcchtern die eine und wollte offenbar irgend eine Liebesgeschichte zum besten geben, aber sie kam nicht weiter; denn ich sp\u00fcrte, wie meine Fu\u00dfspitzen feucht geworden waren, und sprang auf, den Heimweg anzutreten.<\/p>\n<p>Chr. Morgenstern<br \/>\nSept. 1892<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/christian-morgenstern.de\/dcma\/index.php?title=Der_Bergstrom\" target=\"_blank\">Deutsches Christian-Morgenstern-Archiv DCMA<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein M\u00e4rchen. Auf einem Felsen mitten im Bergstrom sa\u00df ich und lie\u00df meine F\u00fc\u00dfe hinabbaumeln, dass sie fast die Oberfl\u00e4che der h\u00fcpfenden, kreiselnden Wasser ber\u00fchrten. 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