{"id":86,"date":"2007-11-28T20:14:34","date_gmt":"2007-11-28T19:14:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.heiniger-net.ch\/blog\/archives\/86"},"modified":"2007-11-28T20:14:34","modified_gmt":"2007-11-28T19:14:34","slug":"tinka","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/en\/archives\/86\/tinka\/","title":{"rendered":"Katzengeschichten &#8211; Tinka"},"content":{"rendered":"<p>Man kann ja die Menschen unterteilen in Hundemenschen und Katzenmenschen. Die einen r\u00fcmpfen fast immer die Nase \u00fcber die anderen. Gegenseitiges Verst\u00e4ndnis ist fast unm\u00f6glich. Wie ja zwischen Vetretern der betreffenden Tierarten auch. Ich selber bin definitiv ein Katzenmensch. Fast mein gesamtes bisherige Leben habe ich mit einer Katze geteilt. F\u00fcr Hundemenschen hatte ich nichts \u00fcbrig, bis meine Schw\u00e4gerin einen mannsgrossen Hund hatte und die beiden ein paar Tage mit meiner Frau und mir zusammen in den B\u00fcndner Bergen verbrachten. Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt soll es um Tinka gehen.<\/p>\n<blockquote><p>In meiner Kindheit hatte es immer eine Katze im Haushalt gehabt. Sp\u00e4ter, als ich meinen eigenen Haushalt f\u00fchrte, hielt ich jeweils zwei Katzen, zusammen. Idealerweise aus demselben Wurf. Da ich ja berufst\u00e4tigerweise tags\u00fcber meist abwesend bin, k\u00f6nnen sich dann die beiden Katzen mit sich selber besch\u00e4ftigen und es ist ihnen weniger langweilig, oder sie kommen weniger auf dumme Gedanken, wie etwa an den Vorh\u00e4ngen herumzuturnen. Ausserdem lebte ich immer an Orten, wo ich es erm\u00f6glichen konnte, dass die Katzen jederzeit nach draussen k\u00f6nnen. Katzen, die reine Stubentiger sind, bedaure ich und finde, dass sie nicht artgerecht gehalten werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Tinka war nicht alleine. Zu ihr geh\u00f6rte ihr Bruder Tinkus. Diese beiden Katzen hatten wir nicht einmal selber ausgesucht. Vielmehr holte sie unsere damalige Nachbarin ins Haus. Wir lebten damals in einem Einfamilienhaus, das mit einer kleinen Einliegerwohnung versehen war. Darin lebte Jutta, aus Deutschland stammend, aber schon viele Jahre in der Schweiz lebend. Jutta hatte eine stattliche Statur und ein noch gr\u00f6sseres Herz. Wir verstanden uns sehr gut mit ihr, und verfolgten auch die ersten Schritte der wenige Monate alten K\u00e4tzchen gemeinsam. Wie erw\u00e4hnt, Jutta taufte sie auf den Namen Tinkus und Tinka.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nEines Tages kam Jutta ganz aufgeregt zu uns und erz\u00e4hlte, sie h\u00e4tte grade die Jalousienk\u00e4sten gereinigt, und dazu h\u00e4tte sie die K\u00e4sten mit einem Schraubenzieher \u00f6ffnen m\u00fcssen, um heranzukommen, und jetzt h\u00e4tten es die K\u00e4tzchen irgendwie geschafft, da hinauf und hineinzuklettern. Sie steckten weit oben im Jalousienkasten drin und k\u00f6nnten nicht mehr herunter. Und sie komme auch nicht an sie heran. Zu dritt versammelten wir uns vor dem Jalousienkasten und berieten einigermassen ratlos, was zu tun sei. Ich versuchte, das eine Lager der Jalousienspule zu l\u00f6sen, das ganze Gebilde auf der einen Seite herunterzuziehen, wodurch es schr\u00e4g w\u00e4re und die Katzen sich auf diesem Wege herunterbequemen k\u00f6nnten, oder sie vielleicht jetzt mit einer Hand zu packen w\u00e4ren. Aber nein, leider n\u00fctzte das nichts. Je n\u00e4her wir mit einer Hand kamen, desto fester verkrochen sie sich davor so hoch und so weit weg wie nur irgend m\u00f6glich. Um die K\u00e4tzchen nicht weiter zu erschrecken entfernten wir uns und rauchten erst mal in Ruhe eine Zigarette. Pl\u00f6tzlich hatte Jutta eine Idee. Sie ging in die K\u00fcche und holte etwas Butter. Sie strich sich ein bisschen Butter auf den Finger und streckte ihn den K\u00e4tzchen entgegen. Und dieser Versuchung konnten diese nicht widerstehen. Sie kamen aus ihrem Versteck und leckten freudig Juttas Finger ab. Langsam nahm Jutta ihre Hand herunter, der Schr\u00e4ge entlang, bis sie soweit war, dass sie die K\u00e4tzchen mit der anderen Hand packen und aus dem Jalousienkasten herunterheben konnte. Uff! Damit war eine unangenehme Situation zur Zufriedenheit aller Beteiligten entsch\u00e4rft worden.<\/p>\n<p>Leider zog Jutta bald von uns weg in eine andere Wohnung mit ihrem Ehemann zusammen. Sie konnte ihre K\u00e4tzchen nicht in ihre neue Wohnung mitnehmen, weil der Vermieter das nicht erlaubte, also fragte sie uns, ob wir uns der beiden s\u00fcssen annehmen wollten. Selbstverst\u00e4ndlich wollten wir das! Und so geh\u00f6rten die beiden nun uns. Allerdings stellten wir bald fest, dass Tinkus der Wechsel gar nicht passte. Er zog es weiterhin vor, vor der Gartent\u00fcre der Einliegerwohnung darauf zu warten, dass ihn jemand einliess, als etwa auf unsere Terrasse einen Stock h\u00f6her zu gehen (das Haus war an einen Hang gebaut) und dort um Einlass zu bitten. Obwohl wir es gewiss nicht an Liebe, Zuneigung und Streicheleinheiten mangeln liessen. Er wollte sich nicht wirklich an uns gew\u00f6hnen. Tinka dagegen war ganz anderes. Von ihr hatten wir das Gef\u00fchl, dass sie sich sehr rasch umgew\u00f6hnte. Sie liess sich auch gerne von unseren Kindern streicheln und kam Abends zu uns aufs Sofa, nachts sogar manchmal in unser Ehebett.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Fr\u00fchling war Tinka j\u00e4hrig und schwanger. Ich hatte auch fr\u00fcher schon Katzengeburten miterlebt, und mir war klar, dass es eigentlich gen\u00fcgend Katzen gibt auf der Welt und dass es schwierig werden w\u00fcrde, alle Katzen aus einem Wurf wieder loszuwerden. Man musste ja Leute finden, die einem ein junges K\u00e4tzchen abnehmen und gut f\u00fcr es sorgen wollten. Andererseits wollte ich durchaus der Tinka das Erlebnis, Mutter zu werden, g\u00f6nnen. Deshalb war sie noch nicht sterilisiert worden. Normalerweise lasse ich Katzen erst nach dem ersten Wurf sterilisieren. Von daher schien mir logisch, Tinka von den frischgeborenen K\u00e4tzchen nur zwei zu lassen und ihr die anderen wegzunehmen. Aber da hatte ich die Rechnung ohne meine Frau und die Kinder gemacht! Die Geburt fand eines Nachts unter unserem Ehebett statt. Selbstverst\u00e4ndlich hatten wir ein h\u00fcbsches Pl\u00e4tzchen vorbereitet f\u00fcr Tinkas Niederkunft, und zwar in einer Bananenschachtel, gut gepolstert und ausstaffiert. Aber wie \u00fcblich haben geb\u00e4rende Katzen ihre eigenen Vorstellungen vom idealen Kindbett. Immerhin schafften wir es, Tinka eine Decke unterzuschieben, als es losging, so dass nicht allzuviel Blut auf den Spannteppich ging. Tinka machte rasch klar, dass sie wenig Lust darauf hatte, sich die ganze Zeit beobachten zu lassen, sondern verzog sich so weit es ging. Als wir zwischendurch nachschauten fanden sich erst zwei, dann drei, dann vier, dann f\u00fcnf K\u00e4tzchen bei ihr liegend. Wir dachten schon, dass es das war. Aber als wir zwei Stunden sp\u00e4ter noch einmal nachz\u00e4hlten, waren es pl\u00f6tzlich sechs. Sechs kleine K\u00e4tzchen! Wie aufregend! Und so viele! Ich wollte gleich zur Tat schreiten und vier davon entfernen, als ich mich grossem Protest seitens meiner Frau und der Kinder gegen\u00fcber sah. Das sei doch \u00fcberhaupt kein Problem, meinten sie, sie w\u00fcssten ganz genau, dass alle sechs K\u00e4tzchen bestens versorgt und untergebracht werden k\u00f6nnten. Ich sei ein M\u00f6rder! Nun ja, diesem geballten Pazifismus musste ich mich nat\u00fcrlich f\u00fcgen &#8212; und es war mir, ehrlich gesagt, ohnehin wohler so.<\/p>\n<p>Noch am selben Tag konnten wir Tinka davon \u00fcberzeugen, dass das Nest, das wir f\u00fcr sie und ihre Kleinen in der Bananenschachtel vorbereitet hatten, auch ihren Qualit\u00e4tsanspr\u00fcchen gen\u00fcgen w\u00fcrde, und sie zog um mit ihrer Brut. Letztlich war sie sehr froh darum, da sie sich so immerhin f\u00fcr eine Weile entfernen konnte, ohne bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, dass die Kleinen aus dem Nest fallen oder sich sonstwie verirren konnten. Die W\u00e4nde der Bananenschachtel waren hoch genug. Und Tinka brauchte ihre Auszeiten unbedingt, wurde sie doch f\u00f6rmlich \u00fcberrannt, als sie jeweils wieder im Nest auftauchte. Die sechs Kleinen quiekten und suchten fieberhaft nach den Zitzen der Mutter, schoben sich dabei gegenseitig aus dem Weg und krochen \u00fcbereinander hinweg, bis endlich alle sechs eine Zitze gefunden hatten und wohlig vor sich hinschnurrend ihrer Nahrungsaufnahme fr\u00f6hnen konnten. Da die Jungen doch auch schon Z\u00e4hnchen hatten, floss dabei gelegentlich sogar etwas Blut. Die gute Tinka musste fast um ihre Zitzen bangen! Wir mussten sie \u00f6fter beruhigen und auf sie einreden, damit sie wieder zu den Kleinen stieg, so regelrecht ersch\u00f6pft war sie manchmal.<\/p>\n<p>Als die K\u00e4tzchen ihre Augen \u00f6ffneten (Neugeborene K\u00e4tzchen sind ja zun\u00e4chst blind, erst ungef\u00e4hr am achten Tag \u00f6ffnen sie die Augen) wurde die Bananenschachtel zur Rappelkiste, und nach etwa drei Wochen begannen sie, in ihrem Drang, die Welt zu erkunden, erst vorsichtig und dann immer mutiger, \u00fcber den Schachtelrand zu \u00c3\u201eugen und auch bald einmal dar\u00fcber hinaus zu klettern. Von da an musste man in der ganzen Wohnung gut aufpassen, wo man hintritt.<\/p>\n<p>Die Bananenschachtel hat uns viele \u00e4usserst vergn\u00fcgliche Stunden beschert. Kann es etwas sch\u00f6neres geben, als jungen K\u00e4tzchen dabei zuzuschauen, wie sie die Welt entdecken, wie sie spielerisch ihre Kraft aneinander ausprobieren, wie ihnen ihre Mutter die Welt zeigt und sie erzieht? Meine Frau und ich haben viel Zeit vor der Bananenschachtel und vor dem Fenster zum Balkon verbracht und einfach die K\u00e4tzchen beobachtet. Wir sprachen oft davon, dass das unterhaltsamer sei als Fernsehen.<\/p>\n<p>Da aber nun der Zeitpunkt nahte, wo sich nicht mehr Tinka um das &#8220;Gesch\u00e4ft&#8221; ihrer Kleinen k\u00fcmmerte, sondern wo langsam mit der Stubenreinheitserziehung beginnen musste, f\u00e4llten wir den Entscheid, die ganze Rasselbande auf den Balkon zu verfrachten. Dort draussen w\u00e4re das alles kein Problem. Alles notwendige vorgesorgt, inklusive Katzenklo, Schlafplatz und Spielzeuge, fand daher der n\u00e4chste Umzug statt. F\u00fcr Tinka war das auch praktisch, weil sie von dort \u00fcber ein Brett jederzeit in den Garten und auch wieder zur\u00fcck konnte, ohne dass sie erst uns damit bel\u00e4stigen musste, ihr eine T\u00fcr zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Der F\u00fctterungsvorgang erwies sich rasch als ein Problem. Das heisst, nicht die F\u00fctterung an sich war das Problem, sondern die Tatsache, dass hinterher alles verspritzt und schmutzig war. Weil wir keine Lust auf die regelm\u00e4ssige Reinigung hatten, liessen wir uns etwas besseres einfallen. Bald hatte sich folgendes Ritual f\u00fcr die &#8220;F\u00fctterung der Raubtiere&#8221; etabliert: Einer von uns ging mit dem W\u00e4schekorb raus auf den Balkon. Dabei musste nat\u00fcrlich darauf geachtet werden, dass kein K\u00e4tzchen durch die kurzzeitig ge\u00f6ffnete Wohnzimmert\u00fcre ins Haus entwischte. Dann wurde jedes K\u00e4tzchen einzeln gepackt und in den W\u00e4schekorb bef\u00f6rdert. Eine schreiende und br\u00fcllende Katzenschar wurde nun im W\u00e4schekorb durchs Wohnzimmer ins Badezimmer getragen. In der Badewanne wurden mehrere Tellerchen und Sch\u00e4lchen mit Futter und katzentauglicher (laktosefreier) Milch bereitgestellt und dann die K\u00e4tzchen aus dem W\u00e4schekorb gehoben und in die Wanne gesetzt. So! Hier konnten sie nun nach Belieben sich auf das Essen st\u00fcrzen, dar\u00fcber hinwegmarschieren, durch die Milch spazieren, sich gegenseitig aus dem Teller schubsen. So lange, bis alle satt, die Teller leer, und die Badewanne vollgespritzt war. Nun sammelten wir sie einzeln wieder ein, putzten mit einem Lappen die kleinen Schnauzen und Pfoten, und setzten sie wieder in den W\u00e4schekorb. Wieder ging es mit der Rasselbande durchs Wohnzimmer auf den Balkon, wo sie wieder freigelassen wurden und wieder nach Herzenslust herumtoben konnten. Die Badewanne mit der Brause abzuspritzen war dann am Ende das kleinste Problem.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.heiniger-net.ch\/archives\/262\">Fortsetzung, Teil 2<\/a><\/p>\n<p><a href=\"\/daniel\/cats\">Weitere Katzengeschichten<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann ja die Menschen unterteilen in Hundemenschen und Katzenmenschen. Die einen r\u00fcmpfen fast immer die Nase \u00fcber die anderen. 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