{"id":167,"date":"2008-06-24T11:36:23","date_gmt":"2008-06-24T09:36:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.heiniger-net.ch\/?p=167"},"modified":"2008-06-24T11:36:23","modified_gmt":"2008-06-24T09:36:23","slug":"lies-we-tell-kids","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/archives\/167\/lies-we-tell-kids\/","title":{"rendered":"L\u00fcgen, die wir Kindern erz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.paulgraham.com\">Paul Graham<\/a> hat diesen grossartigen Essay geschrieben, der mir derart gut gef\u00e4llt, dass ich ihn auf Deutsch \u00fcbersetzt und hier publiziert habe. <a href=\"http:\/\/www.paulgraham.com\/lies.html\">Das Original ist hier zu finden.<\/a><\/p>\n<h3>Mai 2008: L\u00fcgen, die wir Kindern erz\u00e4hlen (Paul Graham)<\/h3>\n<p>Erwachsene l\u00fcgen Kinder dauernd an. Ich sage nicht, dass wir damit aufh\u00f6ren sollen. Aber wir sollten zumindest genau anschauen, welche L\u00fcgen wir unseren Kindern erz\u00e4hlen und warum.<\/p>\n<p>Darin k\u00f6nnte auch f\u00fcr uns ein Vorteil liegen. Als Kinder wurden wir alle belogen, und einige der L\u00fcgen, die uns erz\u00e4hlt wurden, beeinflussen uns bis heute. Daher: Indem wir die Arten untersuchen, wie Erwachsene Kinder anl\u00fcgen, schaffen wir es vielleicht, unseren Kopf von den L\u00fcgen, die uns selbst erz\u00e4hlt wurden, zu befreien.<\/p>\n<p>Ich benutze das Wort \u00ab\u00a0L\u00fcge\u00a0\u00bb in sehr allgemeinem Sinn. Nicht nur offene Unwahrheit, sondern auch die subtileren Arten, wie wir Kinder in die Irre f\u00fchren. Obwohl \u00ab\u00a0L\u00fcge\u00a0\u00bb negative Konnotationen hat, will ich nicht sagen, dass wir das niemals tun d\u00fcrfen &#8212; nur dass wir uns genau \u00fcberlegen sollten, wann und warum wir es tun. [<a href=\"#f1n\">1<\/a>]<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nEtwas vom Bemerkenswertesten daran, wie wir Kinder bel\u00fcgen, ist, wie breit die Verschw\u00f6rung ist. Alle Erwachsenen wissen, wor\u00fcber ihre Kultur Kinder bel\u00fcgt: Es sind diejenigen Fragen, auf die du \u00ab\u00a0Frage deine Eltern\u00a0\u00bb antwortest. Wenn dich ein Kind fragt, wer die WM 1982 gewonnen hat, oder welches das Atomgewicht von Kohlenstoff ist, dann k\u00f6nntest du es ihm einfach sagen. Wenn ein Kind hingegen fragt: \u00ab\u00a0Gibt es einen Gott?\u00a0\u00bb oder \u00ab\u00a0Was ist eine Prostituierte?\u00a0\u00bb dann wirst du wahrscheinlich sagen \u00ab\u00a0Frag deine Eltern.\u00a0\u00bb<\/p>\n<p>Da wir uns alle einig sind, sehen Kinder kaum L\u00fccken in der Sicht der Welt, wie sie ihnen dargeboten wird. Die gr\u00f6ssten Widerspr\u00fcche gibt es zwischen Eltern und Schulen, aber selbst die sind eher geringf\u00fcgig. Schulen sind vorsicht in dem, was sie \u00fcber kontroverse Themen sagen, und falls sie tats\u00e4chlich dem widersprechen, was die Eltern ihre Kinder glauben machen wollen, dann werden sie von den Eltern unter Druck gesetzt, zu schweigen, oder die Eltern schicken ihre Kinder schlicht auf eine andere Schule.<\/p>\n<p>Die Verschw\u00f6rung ist derart dicht gewoben, dass die meisten Kinder, die sie entdecken, dies nur deswegen schaffen, weil sie innere Widerspr\u00fcche aufdecken in dem, was ihnen erz\u00e4hlt wird. Es kann traumatisch sein f\u00fcr diejenigen, die w\u00e4hrend der Operation aufwachen. So hat es Einstein erlebt:<\/p>\n<blockquote><p>Durch die Lekt\u00fcre von popul\u00e4ren wissenschaftlichen B\u00fcchern kam ich zu der Erkenntnis, dass vieles von dem, was in der Bibel steht, schlicht nicht stimmen kann. Die Konsequenz war ein positives, fanatisches Freidenken, gekoppelt mit dem Eindruck, dass die Jugend absichtlich vom Staat durch L\u00fcgen get\u00e4uscht wird: Das war ein niederschmetternder Eindruck. [<a href=\"#f2n\">2<\/a>]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich erinnere mich an dieses Gef\u00fchl. Um 15 war ich \u00fcberzeugt davon, dass Welt von A bis Z korrupt ist. Deshalb haben Filme wie <em>Die Matrix<\/em> so viel Resonanz. Jedes Kind w\u00e4chst in einer vorget\u00e4uschten Welt auf. Es w\u00e4re irgendwie einfacher, wenn die dahinterstehenden Kr\u00e4fte so klar differenziert werden k\u00f6nnten wie ein Haufen teuflischer Maschinen, und wenn man einen sauberen Schnitt machen k\u00f6nnte, indem man die blaue Pille schluckt.<\/p>\n<h3>Schutz<\/h3>\n<p>Wenn man Erwachsene fragt, warum sie Kinder anl\u00fcgen, dann ist der meistgeh\u00f6rte Grund der, dass sie sie besch\u00fctzen wollen. Und Kinder m\u00fcssen gesch\u00fctzt werden. Die Umgebung, die du f\u00fcr ein Neugeborenes aufbaust, wird sehr anders aussehen als die Strassen einer Grossstadt.<\/p>\n<p>Das scheint so offensichtlich zu sein, dass es auch falsch erscheint, es eine L\u00fcge zu nennen. Es ist bestimmt keine schlechte L\u00fcge, einem Baby den Eindruck zu vermitteln, dass die Welt still und warm und sicher ist. Doch diese harmlose Art L\u00fcge kann sauer werden, wenn sie un\u00fcberpr\u00fcft bleibt.<\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor, wenn sie jemanden in einer derart besch\u00fctzten Umgebung bewahren bis er 18 ist. Jemanden derart \u00fcber die Natur der Welt zu t\u00e4uschen erscheint weniger als Schutz denn als Missbrauch. Das ist nat\u00fcrlich ein extremes Beispiel. Wenn Eltern etwas derartiges tun, dann kommt es in allen Zeitungen. Aber man sieht dasselbe Problem in kleinerem Massstab im Malaise, das Teenager in der Vorstadt f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Der Hauptzweck von Vorst\u00e4dten ist es, eine gesch\u00fctzte Umgebung zu bilden, in der Kinder aufwachsen k\u00f6nnen.  Und es scheint grossartig zu sein  f\u00fcr 10-j\u00e4hrige.  Ich liebte es, in der Vorstadt zu leben, als ich 10  war. Ich merkte damals nicht, wie steril es war. Meine Welt war nicht gr\u00f6sser als bis zu den H\u00e4usern der paar Freunde, dich ich mit dem Fahrrad besuchte, und der paar W\u00e4ldchen, in denen ich herumstreunte. Im grossen Massstab gesehen war ich irgendwo zwischen Krippe und Globus. Eine Vorstadtstrasse hatte genau die richtige Gr\u00f6sse. Aber je \u00e4lter ich wurde, desto mehr f\u00fchlte sich die Vorstadt erstickend falsch an.<\/p>\n<p>Das Leben kann mit 10 oder 20 ziemlich gut sein. Aber mit 15 ist es h\u00e4ufig \u00e4usserst frustrierend. Dieses Problem ist zu gross, um hier gel\u00f6st zu werden, aber einer der Gr\u00fcnde, weshalb das Leben f\u00fcr einen 15-j\u00e4hrigen schrecklich ist, ist sicherlich, dass er in einer Welt, die f\u00fcr 10-j\u00e4hrige gemacht ist, gefangen ist.<\/p>\n<p>Wovor, hoffen Eltern, k\u00f6nnen sie ihre Kinder besch\u00fctzen, indem sie sie in einer Vorstadt aufwachsen lassen? Eine Freundin, die Manhattan verliess, sagte dazu einfach, dass ihre 3-j\u00e4hrige Tochter \u00ab\u00a0zuviel gesehen\u00a0\u00bb habe. Spontan f\u00e4llt mir dazu ein: Leute, die betrunken oder unter Drogen sind, Armut, Wahnsinn, grauenvolle medizinische Bedingungen, sexuelles Verhalten unterschiedlichen Grades von Seltsamkeit, und gewaltt\u00e4tige Wut.<\/p>\n<p>Ich denke, es w\u00e4re die Wut, die mir am meisten Sorgen machen w\u00fcrde, h\u00e4tte ich einen Dreij\u00e4hrigen. Ich war 29 als ich nach New York zog. Und selbst dann war ich \u00fcberrascht. Ich m\u00f6chte nicht, dass ein Dreij\u00e4hriger einige der Streitereien mitansehen muss, die ich miterlebte. Es w\u00e4re zu furchterregend. Viele der Dinge, die Erwachsene vor Kindern verborgen halten, halten sie deswegen fern von ihnen, weil sie furchterregend sind, nicht weil sie deren Existenz geheim halten wollen. Das Kind in die Irre zu f\u00fchren ist nur ein Nebenprodukt.<\/p>\n<p>Dies scheint eine der berechtigtsten L\u00fcgen zu sein, die Erwachsene gegen\u00fcber Kindern anwenden. Aber da die L\u00fcgen indirekt sind, f\u00fchren wir nicht so genau Buch dar\u00fcber. Eltern wissen sehr wohl, dass sie ihren Kindern die Fakten \u00fcber Sex vorenthalten haben, und manchmal setzen sie sich auch mit ihren Kindern hin und erkl\u00e4ren ihnen mehr. Aber nur wenige erz\u00e4hlen ihren Kindern die Unterschiede zwischen der realen Welt und dem Kokon, in dem sie aufgewachsen sind. Dies, kombiniert mit dem Selbstwertgef\u00fchl, das Eltern gerne ihren Kindern anerziehen, f\u00fchrt dazu, dass jedes Jahr eine neue Ernte von 18-j\u00e4hrigen heranw\u00e4chst, die denken, sie w\u00fcssten, wie der Hase l\u00e4uft und die Welt geh\u00f6re ihnen.<\/p>\n<p>Denken nicht alle 18-j\u00e4hrigen, sie w\u00fcssten wie die Welt am Besten zu funktionieren habe? Genau genommen ist dies ein eher junges Ph\u00e4nomen, nicht \u00e4lter als etwa 100 Jahre. In der vorindustriellen Zeit waren Teenager Juniormitglieder der Erwachsenenwelt und sich vergleichsweise ihrer Defizite ziemlich gut bewusst. Sie konnten klar sehen, dass sie nicht so stark oder geschickt waren wie der Dorfschmied. In vergangenen Zeiten haben die Leute \u00fcber gewisse Dinge mehr gelogen zu ihren Kindern als wir heute. Aber diejenigen L\u00fcgen, die implizit in einer besch\u00fctzten, k\u00fcnstlichen Umwelt enthalten sind, sind eine neue Erfindung. Wie viele neue Erfindungen, haben die Reichen sie sich zuerst angeeignet. Kinder von K\u00f6nigen und grossen Magnaten sind die ersten, die ohne jeden Kontakt zur Welt aufgewachsen sind. Vorst\u00e4dte bedeuten, dass die halbe Bev\u00f6lkerung in dieser Beziehung wie K\u00f6nige leben kann.<\/p>\n<h3>Sex (und Drogen)<\/h3>\n<p>Ich h\u00e4tte andere Sorgen, wenn ich meine Teenage-Kinder in New York aufwachsen sehen m\u00fcsste. Ich w\u00fcrde mich weniger um das sorgen, was sie sehen, sondern vielmehr um das, was sie tun k\u00f6nnten. Ich bin mit vielen Jungs ins College gegangen, die in Manhatten aufgewachsen waren, und im allgemeinen schienen sie ziemlich abgestumpft zu sein. Sie schienen ihre Unschuld mit ungef\u00e4hr 14 verloren zu haben, und bis zum College hatten sie mehr Drogen probiert, als ich je davon geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde, warum Eltern nicht wollen, dass ihre Kinder Sex haben, sind komplex. Es gibt einige offensichtliche Gefahren: Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten. Aber das sind nicht die einzigen Gr\u00fcnde, weshalb Eltern nicht wollen, dass ihre Kinder Sex haben. Die durchschnittlichen Eltern einer 14-j\u00e4hrigen w\u00fcrden die Idee, dass sie Sex hat, hassen, selbst wenn es keinerlei Risiko von Schwangerschaft oder Geschlechtskrankheiten g\u00e4be.<\/p>\n<p>Was genau ist es denn, was Eltern so sehr am Gedanken st\u00f6rt, ihre Kinder k\u00f6nnten Sex haben? Ihre Abneigung dagegen ist dermassen stark, dass sie wahrscheinlich angeboren ist. Aber wenn es angeboren ist, dann sollte es universal sein. Es gibt jedoch gen\u00fcgend Gesellschaften, in denen die Eltern kein Problem mit Teenage-Sex haben &#8212; wo es sogar normal ist, dass 14-j\u00e4hrige M\u00fctter werden. Was also geht hier vor? Es scheint ein universelles Tabu zu geben gegen Sex mit vorpubert\u00e4ren Kindern. Daf\u00fcr kann man sich evolution\u00e4re Gr\u00fcnde vorstellen. Und ich denke, dass dies der Hauptgrund ist f\u00fcr die Abneigung von Eltern in industrialisierten Gesellschaften dagegen ist, dass ihre Teenage-Kinder Sex haben. Sie denken immer noch, sie seien Kinder, obwohl sie es biologisch gesehen nicht mehr sind, weswegen das Tabu gegen Sex mit Kindern immer noch wirkt.<\/p>\n<p>Etwas verbergen Eltern am Sex genauso wie an den Drogen: Dass sie grosses Vergn\u00fcgen bereiten k\u00f6nnen. Das ist das, was Sex und Drogen so gef\u00e4hrlich macht. Das Begehren danach kann einem die Sinne vernebeln und das Urteilsverm\u00f6gen einschr\u00e4nken &#8212; was besonders be\u00e4ngstigend ist, wenn es sich dabei um das, gelinde gesagt, noch nicht sehr ausgepr\u00e4gte Urteilsverm\u00f6gen eines Teenagers handelt.<\/p>\n<p>Wenn Eltern ihren Kindern die Wahrheit \u00fcber Sex und Drogen verraten w\u00fcrden, dann w\u00e4re sie: Der Grund, weshalb du diese Dinge vermeiden sollst, ist dein lausiges Urteilsverm\u00f6gen. Leute mit doppelt so viel Erfahrung wie du verbrennen sich immer noch damit. Doch dies wird einer der F\u00e4lle sein, wo die Wahrheit wenig \u00c3\u0153berzeugungskraft hat, weil eines der Merkmale schlechten Urteilsverm\u00f6gens ist es, zu glauben, man h\u00e4tte gutes. Wenn du zu schwach bist, etwas zu heben, dann merkst du das. Doch wenn du eine heftige Entscheidung triffst, bist du dir dessen nur umso sicherer.<\/p>\n<h3>Unschuld<\/h3>\n<p>Ein weiterer Grund, weshalb Eltern nicht wollen, dass ihre Teenage-Kinder Sex haben, ist der, dass sie wollen, dass sie unschuldig bleiben. Erwachsene haben eine bestimmte Vorstellung davon, wie sich Kinder verhalten sollen, und die sieht anders aus als bei Erwachsenen.<\/p>\n<p>Einer der offensichtlichsten Unterschiede bezieht sich auf die Worte, die Kinder benutzen d\u00fcrfen. Die meisten Eltern benutzen, wenn sie mit anderen Erwachsenen sprechen, Worte, von denen sie nicht m\u00f6chten, dass ihre Kinder sie in den Mund nehmen. Sie versuchen sogar die Existenz dieser W\u00f6rter vor ihren Kindern so lange es geht zu verheimlichen. Und das ist auch so eine Verschw\u00f6rung, an der alle teilhaben: Jeder weiss, dass man nicht vor Kindern fluchen soll.<\/p>\n<p>Nie habe ich unterschiedlichere Erkl\u00e4rungen geh\u00f6rt als dann, als es darum ging, den Kindern zu erkl\u00e4ren, warum sie nicht fluchen sollen. Jeder Vater, jede Mutter die ich kenne verbietet seinen Kindern das Fluchen, und doch haben keine zwei dieselben Begr\u00fcndung. Es ist ganz klar: Die meisten fangen damit an, ihren Kindern das Fluchen zu verbieten. Und erst danach legen sie sich eine Begr\u00fcndung zurecht.<\/p>\n<p>Deshalb ist meine Theorie, dass die <em>Funktion <\/em>des Fluchens ist, den Sprecher als Erwachsenen zu kennzeichnen. Es keinen bedeutsamen Unterschied zwischen \u00ab\u00a0Scheisse\u00a0\u00bb und \u00ab\u00a0Pupu\u00a0\u00bb. Warum also soll das eine f\u00fcr den kindlichen Sprachgebrauch in Ordnung sein und das andere verboten? Die einzige Erkl\u00e4rung lautet: Per Definition. [<a href=\"#f3n\">3<\/a>]<\/p>\n<p>Warum st\u00f6rt es Erwachsene so sehr wenn Kinder Dinge tun, die Erwachsenen vorbehalten sind? Die Vorstellung eines unfl\u00e4tigen, zynischen 10-j\u00e4hrigen, der sich mit einer Zigarettenkippe l\u00e4ssig aus dem Mundwinkel h\u00e4ngend an einen Laternenpfahl lehnt ist sehr beunruhigend. Aber warum?<\/p>\n<p>Der Grund weshalb wir unsere Kinder unschuldig wollen ist der, dass wir darauf programmiert sind, gewisse Arten von Hilflosigkeit zu m\u00f6gen. Bei mehreren Gelegenheiten habe ich M\u00fctter sagen geh\u00f6rt, dass sie bewusst darauf verzichtet haben, falsche Aussprachen ihrer Kleinkinder zu korrigieren, weil sie so niedlich seien. Und wenn man dar\u00fcber nachdenkt, dann bedeutet Niedlichkeit nichts anderes als Hilflosigkeit. Spielzeuge und Zeichentrickfiguren, die niedlich sein sollen, haben immer diesen ahnungslosen Gesichtsausdruck und untersetzte, untaugliche Gliedmassen.<\/p>\n<p>Es ist keine \u00c3\u0153berraschung, dass wir eine angeborene Sehnsucht haben, hilflose Kreaturen zu lieben und zu besch\u00fctzen, angesichts dessen, dass menschliche Spr\u00f6sslinge tats\u00e4chlich so lange Zeit dermassen hilflos sind. Ohne die Hilflosigkeit, die Kinder niedlich macht, w\u00e4ren sie \u00e4usserst l\u00e4stig. Dann w\u00fcrden sie bloss wie inkompetente Erwachsene wirken. Aber da steckt noch mehr dahinter. Der Grund, weshalb mich der hypothetische abgestumpfte 10-j\u00e4hrige so st\u00f6rt, ist nicht nur, dass er dann l\u00e4stig w\u00e4re, sondern dass er so fr\u00fch seine Wachstumsaussichten beschnitten h\u00e4tte. Um abgestumpft zu sein, muss man denken, man wisse, wie die Welt funktioniert, und jede Theorie, die ein 10-j\u00e4hriger diesbez\u00fcglich haben k\u00f6nnte, wird wahrscheinlich ziemlich eingeschr\u00e4nkt sein.<\/p>\n<p>Unschuld ist also auch Aufgeschlossenheit. Wir wollen, dass Kinder unschuldig sind, damit sie weiterhin lernen k\u00f6nnen. So paradox es klingt, es gibt Arten von Wissen, die anderen Arten von Wissen in die Quere kommt. Wenn du lernen wirst, dass die Welt ein brutaler Ort ist, voller Menschen, die versuchen, einander zu \u00fcbervorteilen, dann solltest du das besser erst als letztes lernen. Anderenfalls wird dich weiteres Lernen kaum noch interessieren.<\/p>\n<p>Sehr gescheite Erwachsene scheinen h\u00e4ufig ungew\u00f6hntlich unschuldig, und ich denke nicht, dass das ein Zufall ist. Ich denke, dass diese Menschen bewusst gewisse Dinge zu lernen vermieden haben. Ich selber ganz bestimmt. I dachte mal, dass ich alles wissen will. Heute weiss ich, dass dem nicht so ist.<\/p>\n<h3>Tod<\/h3>\n<p>Nach dem Sex ist der Tod das Thema, \u00fcber das Erwachsene am verschw\u00f6rerischsten l\u00fcgen gegen\u00fcber Kindern. Sex, denke ich, verstecken sie aufgrund tiefsitzender Tabus. Aber warum verstecken wir den Tod vor den Kindern? Wahrscheinlich deswegen, weil kleine Kinder von ihm besonders entsetzt sind. Sie wollen sich sicher f\u00fchlen, und der Tod ist die f\u00fcrchterlichste Bedrohung, die es gibt.<\/p>\n<p>Eine der spektakul\u00e4rsten L\u00fcgen, die uns unsere Eltern vorsetzten, ging um den Tod unserer ersten Katze. \u00c3\u0153ber die Jahre, w\u00e4hrend wir nach mehr Details fragten, mussten sie immer mehr hinzuerfinden, und so wuchs sich die Geschichte zu etwas ziemlich ausgekl\u00fcgeltem aus. Die Katze starb in der Tierarztpraxis. Woran? An der An\u00e4sthesie. Warum war die Katze beim Tierarzt? Um zu gesunden. Und warum hatte sie ein solcher Routineeingriff umgebracht? Es war nicht der Fehler des Tierarztes; die Katze hatte ein angeborenes schlechtes Herz; die An\u00e4sthesie war zu stark f\u00fcr sie; aber das hatte keiner im voraus wissen k\u00f6nnen. Erst als wir unsere zwanziger erreicht hatten, kam die Wahrheit ans Tageslicht: Meine Schwester, damals etwa drei, war versehentlich auf sie draufgetreten und hatte ihr den R\u00fccken gebrochen.<\/p>\n<p>Sie hatten nicht das Bed\u00fcrfnis, uns zu sagen, dass die Katze nun gl\u00fccklich war im Katzenhimmel. Meine Eltern haben nie behauptet, dass verstorbene Menschen oder Tiere \u00ab\u00a0an einen besseren Ort gegangen\u00a0\u00bb seien, oder dass wir ihnen wieder begegnen w\u00fcrden. Das schien uns nicht geschadet zu haben.<\/p>\n<p>Meine Grossmutter erz\u00e4hlte uns eine redigierte Version des Todes meines Grossvaters. Sie sagte, sie eines Tages lesend nebeneinander gesessen, und als sie etwas zu ihm sagte, h\u00e4tte er keine Antwort gegeben. Er schien zu schlafen, aber als sie ihn zu wecken versuchte, schaffte sie das nicht. \u00ab\u00a0Er war weg.\u00a0\u00bb Einen Herzanfall zu haben klang nach einschlafen. Sp\u00e4ter h\u00f6rte ich, dass es nicht ganz so nett war, und dass der Herzanfall fast den ganzen Tag gebraucht hatte, um ihn umzubringen.<\/p>\n<p>Nebst solch unverbl\u00fcmten L\u00fcgen muss es auch jede Menge Themenwechsel gegeben haben, wenn die Sprache auf den Tod kam. Ich erinnere mich daran nat\u00fcrlich nicht, aber ich leite es aus der Tatsache ab, dass ich nicht wirklich kapierte, dass auch ich irgendwann sterben w\u00fcrde, bis ich ungef\u00e4hr 19 war. Wie konnte ich etwas derart offensichtliches so lange Zeit verpassen? Jetzt, wo ich Eltern dabei erlebe, wie sie mit dem Thema umgehen, sehe ich, wie: Fragen \u00fcber den Tod werden sanft, aber fest abgewehrt.<\/p>\n<p>Besonders bei diesem Thema kommen ihnen die Kinder auf halbem Weg entgegen. Kinder wollen \u00f6fter angelogen werden. Sie wollen glauben, dass sie in einer angenehmen, sicheren Welt leben, genau so sehr wie ihre Eltern m\u00f6chten, dass sie das glauben. [<a href=\"#f4n\">4<\/a>]<\/p>\n<h3>Identit\u00e4t<\/h3>\n<p>Manche Eltern f\u00fchlen eine starke Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder religi\u00f6sen Gruppe, und wollen, dass ihre Kinder sich ebenfalls zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Dies erfordert \u00fcblicherweise zwei Arten von L\u00fcgen: Das erste ist, dass dem Kind gesagt wird, er oder sie sei ein X, und das zweite ist, was auch immer f\u00fcr Spezifika die Xe glauben, was sie von anderen unterscheidet. [<a href=\"#f5n\">5<\/a>]<\/p>\n<p>Einem Kind zu sagen, was es f\u00fcr eine besondere ethnische oder religi\u00f6se Identit\u00e4t habe, ist etwas vom langanhaftendsten, was man ihnen sagen kann. Fast alles andere, was du einem Kind erz\u00e4hlst, kann das Kind selber \u00e4ndern wenn es einmal anf\u00e4ngt, selber zu denken. Aber wenn du einem Kind sagst, es geh\u00f6re zu einer bestimmten Gruppe, dann scheint dies fast unm\u00f6glich zu ersch\u00fcttern zu sein.<\/p>\n<p>Dies trotz der Tatsache, dass dies eine der vors\u00e4tzlichsten L\u00fcgen sein kann, die Eltern erz\u00e4hlen. Wenn Eltern von unterschiedlicher Religion sind, dann einigen sie sich h\u00e4ufig, dass ihre Kinder \u00ab\u00a0als Xe erzogen\u00a0\u00bb werden. Und es funktioniert. Die Kinder wachsen folgsam auf und betrachten sich als Xe, trotz der Tatsache, dass, wenn sich seine Eltern anders entschieden h\u00e4tten, sie aufgewachsen w\u00e4ren im Glauben, sie seien Ye.<\/p>\n<p>Ein Grund, warum dies so gut funktioniert, ist die zweite Art L\u00fcge. Die Wahrheit ist Allgemeingut. Du kannst dich und deine Gruppe nicht abgrenzen, indem ihr rationale Dinge tut, und indem ihr Dinge glaubt, die wahr sind. Wenn du dich von anderen Menschen absetzen willst, dann musst du Dinge tun, die willk\u00fcrlich sind, und Dinge glauben, die falsch sind. Und nachdem sie ihr ganzes Leben damit verbracht haben, Dinge zu tun, die willk\u00fcrlich sind, und Dinge zu glauben, die falsch sind, und von \u00ab\u00a0Aussenseitern\u00a0\u00bb diesbez\u00fcglich als sonderbar betrachtet worden zu sein, muss die kognitive Dissonanz, die dazu treibt, Kinder dazu zu bringen, sich als Xe zu betrachten, riesig sein. Wenn sie kein X sind, warum h\u00e4ngen sie dann an all diesen willk\u00fcrlichen Glaubenss\u00e4tzen und Gebr\u00e4uchen?`Wenn sie kein X sind, warum werden sie dann von allen nicht-X so genannt?<\/p>\n<p>Diese Form der L\u00fcge ist nicht ohne Nutzen. Man kann sie dazu einsetzen, eine ganze Ladung n\u00fctzlichen Glaubens zu \u00fcbertragen, und diese wird dazu noch ein Teil der kindlichen Identit\u00e4t werden. Du kannst dem Kind sagen, dass, abgesehen davon dass sie niemals gelb tragen, zu glauben, die Welt sei von einem Riesenhasen erschaffen worden, vor dem Fisch essen immer mit den Fingern zu schnalzen, seien Xe ausserdem besonders ehrlich und fleissig. Dann wachsen X-Kinder mit dem Glauben auf, zu ihrer Identit\u00e4t geh\u00f6re Ehrlichkeit und Fleiss.<\/p>\n<p>Dies ist vermutlich der Grund, weshalb sich die modernen Religionen dermassen ausgebreitet haben, und erkl\u00e4rt, warum ihre Doktrin eine Kombination des N\u00fctzlichen und des Bizarren ist. Das Bizarre ist jene H\u00e4lfte, die daf\u00fcr sorgt, dass die Religion haften bleibt, und die N\u00fctzliche H\u00e4lfte ist die Ladung. [<a href=\"#f6n\">6<\/a>]<\/p>\n<p><strong>Autorit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Einer der am wenigsten entschuldbaren Gr\u00fcnde, dass Erwachsene Kinder anl\u00fcgen, ist, Macht \u00fcber sie zu haben. Manchmal sind diese L\u00fcgen echt b\u00f6se, wie etwa wenn der Bel\u00e4stiger dem Kind sagt, dass es \u00c3\u201erger kriegt, wenn es jemandem erz\u00e4hlt, was ihm gerade zugestossen ist. Andere scheinen unschuldiger. Es h\u00e4ngt davon ab, wie schlimm Erwachsene l\u00fcgen um ihre Macht zu bewahren, und wozu sie diese Macht einsetzen.<\/p>\n<p>Die meisten Erwachsenen machen gewisse Bem\u00fchungen, ihre Schw\u00e4chen vor Kindern zu verstecken. Gew\u00f6hnlich sind ihre Motive gemischt. Zum Beispiel versteckt ein Vater, der eine Aff\u00e4re hat, diese Tatsache gew\u00f6hnlich vor seinen Kindern. Seine Motivation ist teilweise, dass ihnen das Angst machen w\u00fcrde, teilweise weil dies zum Thema Sexualit\u00e4t f\u00fchren w\u00fcrde, und teilweise (und zwar zu einem gr\u00f6sseren Teil als er gerne zugeben w\u00fcrde), weil er sich vor ihnen keine Bl\u00f6sse geben will.<\/p>\n<p>Wenn du lernen willst, welche Art von L\u00fcgen Kindern erz\u00e4hlt werden, dann musst di fast alle diese B\u00fccher lesen, die mit der Absicht geschrieben wurden, ihnen \u00ab\u00a0Themen\u00a0\u00bb beizubringen. [<a href=\"#f7n\">7<\/a>] Peter Mayle hat eines geschrieben mit dem Titel Warum lassen wir uns scheiden? Es beginnt mit den drei wichtigsten Dingen einer Scheidung. Eines davon ist:<\/p>\n<blockquote><p>Du solltest nie einem einzigen Elternteil die Schuld geben, weil eine Scheidung nie nur der Fehler einer einzigen Person ist. [<a href=\"#f8n\">8<\/a>]<\/p><\/blockquote>\n<p>Tats\u00e4chlich? Wenn ein Mann mit seiner Sekret\u00e4rin durchbrennt, ist es dann immer auch zum Teil die Schuld seiner Frau? Aber ich kann durchaus sehen, warum Mayle dies gesagt hat. Vielleicht ist es wichtiger, dass Kinder ihre Eltern respektieren, als dass sie die Wahrheit \u00fcber sie wissen.<\/p>\n<p>Aber weil Erwachsene ihre Schw\u00e4chen verstecken, und weil sie gleichzeitig auf hohen Verhaltensstandards f\u00fcr Kinder bestehen, wachsen viele Kinder mit dem Gef\u00fchl auf, hoffnungslose Defizite zu haben. Sie laufen mit furchtbaren Schuldgef\u00fchlen herum, weil sie mal wieder ein Fluchwort benutzt haben, w\u00e4hrend in der Tat die meisten Erwachsenen um sie herum noch viel schlimmere Dinge tun.<\/p>\n<p>Dies geschieht sowohl in intellektuellen, als auch in moralischen Fragen. Je selbstbewusster die Leute sind, desto mehr scheinen sie die Freiheit zu haben, eine Frage mit \u00ab\u00a0Ich weiss nicht\u00a0\u00bb zu beantworten. Weniger selbstbewusste Menschen denken, dass sie unbedingt eine Antwort geben m\u00fcssten, weil sie sonst schlecht dastehen w\u00fcrden. Meine Eltern waren ziemlich gut darin, zuzugeben, wenn sie etwas nicht wussten, aber mir m\u00fcssen ziemlich viele solcher L\u00fcgen aufgetischt worden sein von Lehrern, weil ich selten einen Lehrer habe \u00ab\u00a0das weiss ich nicht\u00a0\u00bb sagen h\u00f6ren, bis ich ins College ging. Ich erinnere mich so genau daran, weil es so \u00fcberraschend war, jemand dies vor der ganzen Klasse sagen zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Den ersten Hinweis darauf, dass Lehrer nicht allwissend sind, bekam ich in der sechsten Klasse, nachdem mein Vater bei etwas, was ich in der Schule gelernt hatte, widersprochen hatte. Als ich protestierte, dass der Lehrer das Gegenteil gesagt hatte, antworte mein Vater, dass der Kerl nicht die leiseste Ahnung hatte, wovon er \u00fcberhaupt sprach &#8212; dass er letztlich nur ein Primarschullehrer sei.<\/p>\n<p><em>Nur <\/em>ein Lehrer? Der Satz schien mir damals fast grammatikalisch falsch formuliert. Wussten Lehrer denn nicht alles \u00fcber die Themen, die sie lehrten? And wenn nicht, warum waren sie dann diejenigen, die uns lehrten?<\/p>\n<p>Die traurige Tatsache ist, dass Lehrer der amerikanischen \u00f6ffentlichen Schule ganz allgemein das Material, das sie lehren, eher schlecht beherrschen. Es gibt ein paar l\u00f6bliche Ausnahmen, aber in der Regel sind Leute, die in die Lehre gehen wollen, akademisch eher am unteren Ende der College-Absolventen anzusiedeln. Daher zeigt die Tatsache, dass ich mit 11 immer noch dachte, dass Lehrer unfehlbar seien, was f\u00fcr einen gr\u00fcndlichen Arbeit das System mit meinem Hirn geleistet hat.<\/p>\n<h3>Schule<\/h3>\n<p>Was Kindern in der Schule beigebracht wird ist eine komplexe Mischung von L\u00fcgen. Die entschuldbarsten sind diejenigen, die erz\u00e4hlt werden, um Ideen zu vereinfachen, um sie leichter erlernbar zu machen. Das Problem ist, dass viel Propaganda in den Lehrplan hineingeschmuggelt wird im Namen der Vereinfachung.<\/p>\n<p>Schulb\u00fccher repr\u00e4sentieren einen Kompromiss zwischen dem, was verschiedene Gruppen den Kindern beigebracht haben wollen. Die L\u00fcgen sind selten offenkundig. Gew\u00f6hnlich bestehen sie entweder aus Auslassungen, oder aus \u00c3\u0153berbetonungen gewisser Themen auf Kosten anderer. Die Sicht auf Geschichte, die wir in der Primarschule bekamen, war eine rohe Hagiographie, mit mindestens einem Vertreter jeder machtvollen Gruppe.<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmten Wissenschaftler, an die ich mich erinnere, sind Einstein, Marie Curie und George Washington Carver. Einstein war eine grosse Sache, weil seine Arbeit zur Atombombe f\u00fchrte. Marie Curie hatte mit R\u00f6ntgenstrahlen zu tun. Aber Carver hat mich verwirrt. Er schien irgendwelche Dinge mit Erdn\u00fcssen angestellt zu haben.<\/p>\n<p>Es ist heute offensichtlich, dass er auf der Liste war, weil er schwarz war (und Marie Curie war auf der Liste, weil sie eine Frau war), aber als Kind war ich jahrelang verwirrt deswegen. I frage mich, ob es nicht besser gewesen w\u00e4re, uns ganz einfach die Wahrheit zu sagen: Dass es keine ber\u00fchmten schwarzen Wissenschaftler gab. George Washington Carver auf dieselbe Ebene wie Einstein zu heben hat uns nicht nur in Bezug auf die Wissenschaft irregeleitet, sondern auch bez\u00fcglich der H\u00fcrden, die Schwarze damals zu \u00fcberwinden hatten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Themen sanfter wurden, wurden die L\u00fcgen h\u00e4ufiger. Zu der Zeit, als wir zu Politik und aktueller Geschichte kamen, war das, was uns beigebracht wurde, fast reine Propaganda. Zum Beispiel wurde uns beigebracht, die politischen F\u00fchrer als Heilige zu betrachten &#8212; besonders Kennedy und King, die erst vor kurzem den M\u00e4rtyrertod gestorben waren. Es war erstaunlich, sp\u00e4ter zu lernen, dass beide notorische Sch\u00fcrzenj\u00e4ger waren, und dass Kennedy ein ganz besonderer W\u00fcstling war (zu der Zeit, als King&rsquo;s Plagiarismus zum Vorschein kam, hatte ich die F\u00e4higkeit, von den schlechten Taten ber\u00fchmter Leute \u00fcberrascht zu werden, bereits verloren).<\/p>\n<p>Ich bezweifle, dass man Kindern aktuelle Geschichte beibringen kann, ohne ihnen L\u00fcgen zu erz\u00e4hlen, weil praktisch jeder, der in diesem Bereich irgend etwas zu sagen hat, seinen besonderen Dreh dazuzugeben hat. Die aktuellste Geschichte besteht <em>nur noch<\/em> aus Dreh. Wahrscheinlich w\u00e4re es das Beste, nur noch solche Meta-Fakten zu lehren.<\/p>\n<p>Die wahrscheinlich gr\u00f6sste L\u00fcge, die in Schulen gelehrt wird, ist allerdings, dass der Weg zum Erfolg durch das Befolgen von \u00ab\u00a0den Regeln\u00a0\u00bb f\u00fchrt. Genau genommen sind die meisten dieser Regeln nur zusammengestoppelt, um grosse Gruppen effizient zu managen.<\/p>\n<h3>Frieden<\/h3>\n<p>Von all den Gr\u00fcnden, weshalb wir Kinder anl\u00fcgen, ist der m\u00e4chtigste wahrscheinlich derselbe banale Grund, warum sie uns anl\u00fcgen.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig, wenn wir Menschen anl\u00fcgen, ist es nicht teil einer bewussten Strategie, sondern weil sie auf die Wahrheit heftig reagieren w\u00fcrden. Kinder, fast definitionsgem\u00e4ss, geht die Selbstkontrolle ab. Sie reagieren heftig auf die Dinge &#8212; und deshalb werden sie auch h\u00e4ufig angelogen. [<a href=\"#f9n\">9<\/a>]<\/p>\n<p>Vor ein paar Thanksgivings hat sich ein Freund von mir in einer Situation wiedergefunden, die auf perfekte Weise die komplexen Motive illustriert, die wir haben, wenn wir Kinder anl\u00fcgen. W\u00e4hrend der gebratene Truthahn auf dem Tisch auftauchte, fragte sein erschreckend scharfsinniger 5-j\u00e4hriger Sohn pl\u00f6tzlich, ob der Truthahn eigentlich freiwillig gestorben sei. Die Katastrophe voraussehen, beeilten sich mein Freund und seine Frau rasch, zu improvisieren: Ja, der Truthahn wollte freiwillig sterben, und in der Tat hatte sein ganzes Leben mit dem Wunsch verbracht, ein Thanksgiving-Essen sein zu d\u00fcrfen. Und das (Uff!) war das Ende davon.<\/p>\n<p>Wann immer wir Kinder anl\u00fcgen, um sie zu besch\u00fctzen, l\u00fcgen wir vermutlich ebenso sehr um den Frieden zu bewahren.<\/p>\n<p>Eine Konsequenz dieser Art von beruhigender L\u00fcge ist die, dass wir aufwachsen mit dem Gedanken, dass ganz furchtbare Dinge ganz normal sind. Es f\u00e4llt uns schwer, \u00fcber etwas, wo wir buchst\u00e4blich darauf trainiert wurden, uns keine Sorgen zu machen, ein Gef\u00fchl von Dringlichkeit zu versp\u00fcren wie Erwachsene. Als ich etwa 10 war sah ich eine Dokumentation \u00fcber Umweltverschmutzung, die mich in Panik versetzte. Es schien, als ob der Planet unwiederbringlich ruiniert war. Ich ging danach zu meiner Mutter, um sie zu fragen, ob dem tats\u00e4chlich so sei. Ich erinnere mich zwar nicht an ihre Antwort, aber ich f\u00fchlte mich wieder besser, und so h\u00f6rte ich auf, mir Sorgen zu machen.<\/p>\n<p>Das war wahrscheinlich die beste Art, mit einem ve\u00e4ngstigten 10-j\u00e4hrigen umzugehen. Aber wir sollten den Preis daf\u00fcr verstehen. Diese Art L\u00fcge ist einer der Hauptgr\u00fcnde, warum die Dinge so bleiben, wie sie sind: Wir wurden alle darauf trainiert, sie zu ignorieren.<\/p>\n<h3>Entgiftung<\/h3>\n<p>Ein Sprinter geht in einem Rennen fast sofort in einen Zustand \u00fcber, der \u00ab\u00a0Sauerstoffmangel\u00a0\u00bb genannt wird. Sein K\u00f6rper schaltet auf eine Notenergieversorgung um, die schneller ist als die regul\u00e4re aerobische Athmung. Doch dieser Prozess bildet Abfallprodukte, die letzlich zus\u00e4tzlichen Sauerstoff erfordern, um sie loszuwerden, weswegen er am Ende des Rennens anhalten und eine Weile nach Luft ringen muss um sich wieder zu erholen.<\/p>\n<p>Wir leiden bei Erreichen des Erwachsenenalters unter einer Art Wahrheitsmangel. Es wurden uns viele L\u00fcgen erz\u00e4hlt, um uns (und unsere Eltern) durch unsere Kindheit hindurch zu bringen. Einige davon waren vielleicht notwendig. Einige wahrscheinlich nicht. Aber wir erreichen alle das Erwachsenenalter mit einem Kopf voller L\u00fcgen.<\/p>\n<p>Es gibt niemals den Zeitpunkt, wo die Erwachsenen sich mit einem hinsetzen und uns all die L\u00fcgen, die sie uns erz\u00e4hlt haben, erkl\u00e4ren. Sie haben die meisten vergessen. Daher: Wenn du diese L\u00fcgen aus deinem Kopf hinausbef\u00f6rdern willst, dann wirst du das selber tun m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wenige tun das. Die meisten Menschen gehen durchs Leben mit St\u00fccken von Verpackungsmaterial, das an ihrem Verstand kleben geblieben ist, und merken es gar nicht. Wahrscheinlich ist es gar nicht m\u00f6glich, alle Wirkungen, die L\u00fcgen, die uns als Kind erz\u00e4hlt wurden, auf uns haben, komplett aufzuheben. Aber es ist es wert, es wenigstens zu versuchen. Meine eigene Erkenntnis war, dass, wenn immer ich es schaffte, eine L\u00fcge, die mir erz\u00e4hlt worden war, aus dem Weg zu schaffen, dass dann viele Dinge wie von selbst an ihren richtigen Ort r\u00fccken.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise bekommst du eine wertvolle neue Ressource, sobald du die Erwachsenengrenze \u00fcberschreitest, die du dazu ben\u00fctzen kannst, die L\u00fcgen, die dir erz\u00e4hlt worden sind, aufzudecken. Du bist jetzt selber einer der L\u00fcgner. Du bist jetzt in der Lage, in den Kulissen zu beobachten, wie die Erwachsenen die Welt verdrehen f\u00fcr die n\u00e4chste Generation von Kindern.<\/p>\n<p>Der erste Schritt, einen klaren Kopf zu bekommen, ist, zu erkennen, wie weit du davon entfernt bist, ein neutraler Beobachter zu sein. Als ich die High School verliess, dachte ich, ich sei ein kompletter Skeptiker. Ich hatte erkannt, dass die High School Schrott ist. Ich dachte, ich sei bereit, alles zu hinterfragen, was ich wusste. Aber unter vielen anderen Dingen war ich v\u00f6llig ahnungslos, wie viele Tr\u00fcmmer sich bereits in meinem Kopf befanden. Es gen\u00fcgt nicht, deinen Verstand als leere Tafel zu verstehen. Du musst sie bewusst ausl\u00f6schen.<\/p>\n<h3>Anmerkungen<\/h3>\n<p>[<a name=\"f1n\"><\/a>] Einer der Gr\u00fcnde, weshalb ich bei einem so grausam einfachen Wort geblieben bin, ist, dass die L\u00fcgen, die wir unseren Kindern erz\u00e4hlen, wahrscheinlich gar nicht so harmlos sind, wie wir denken. Wenn man sich anschaut, was Erwachsene fr\u00fcher Kindern erz\u00e4hlt haben, ist es schockierend, wie sehr sie sie belogen haben. Wie wir haben sie es mit den besten Absichten getan. Wenn wir daher denken, wir seien so offen wie man vern\u00fcnftigerweise mit Kindern sein k\u00f6nne, dann machen wir uns vermutlich etwas vor. Die Chancen stehen gut, dass Menschen in 100 Jahren genau so schockiert sein werden \u00fcber einige der L\u00fcgen, die wir von uns geben, wie wir es sind \u00fcber die L\u00fcgen, die vor 100 Jahren erz\u00e4hlt wurden.<\/p>\n<p>I kann nicht voraussagen, welche dies sein werden, aber ich will auch keinen Essay schreiben, der in 100 Jahren dumm erscheint. Deshalb werde ich einfach alle unsere L\u00fcgen L\u00fcgen nennen, und nicht spezielle Euphemismen benutzen f\u00fcr L\u00fcgen, die nach heutiger Mode entschuldbar erscheinen.<\/p>\n<p>(Ich habe eine Art weggelassen: Jene, die erz\u00e4hlt werden, um mit der Leichtgl\u00e4ubigkeit von Kindern Spielchen zu spielen. Diese spielen sich ab im Bereich \u00ab\u00a0So tun als ob,\u00a0\u00bb was nicht wirklich eine L\u00fcge ist, sondern mit einem Augenzwinkern erz\u00e4hlt wird, bis zu den furcherregenden L\u00fcgen, die einem von den \u00e4lteren Geschwistern erz\u00e4hlt werden. Dazu gibt es nicht viel zu sagen: Die ersteren m\u00f6chte ich nicht missen, und die zweiteren wird es immer geben.)<\/p>\n<p>[<a name=\"f2n\"><\/a>] Calaprice, Alice (Herausgeberin), <em>The Quotable Einstein<\/em>, Princeton University Press, 1996<\/p>\n<p>[<a name=\"f3n\"><\/a>] Wenn man Eltern danach fragt, warum Kinder nicht fluchen sollen, so antworten die weniger Gebildeten \u00fcblicherweise mit Fragen-heischenden Erkl\u00e4rungen wie \u00ab\u00a0Es ist unangemessen,\u00a0\u00bb w\u00e4hrend die Gebildeteren ausgekl\u00fcgelte Rationalisierungen von sich geben. In der Tat scheinen die weniger Gebildeten n\u00e4her an der Wahrheit zu sein.<\/p>\n<p>[<a name=\"f4n\"><\/a>] Wie mir ein Freund mit kleinen Kindern aufgezeigt hat, ist es leicht f\u00fcr kleine Kinder, sich f\u00fcr unsterblich zu halten, weil die Zeit f\u00fcr sie so langsam zu verstreichen scheint. F\u00fcr einen Dreij\u00e4hrigen f\u00fchlt sich ein Tag etwa so an wie ein Monat f\u00fcr einen Erwachsenen. Darum klingen 80 Jahre f\u00fcr ihn, wie 2400 Jahre f\u00fcr uns klingen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>[<a name=\"f5n\"><\/a>] Ich realisiere, dass ich mir unendlichen \u00c3\u201erger einhandeln werde daf\u00fcr, dass ich Religionen als eine Art L\u00fcge klassifiziere. Gew\u00f6hnlich umgehen die Leute diese Problematik mit einer Mehrdeutigkeit im Sinne dessen, dass L\u00fcgen, die f\u00fcr gen\u00fcgend lange Zeit durch eine gen\u00fcgend grosse Anzahl Menschen geglaubt wurden, immun sind f\u00fcr die normalen Standards f\u00fcr Wahrheit. Da ich aber nicht vorhersagen kann, welche L\u00fcgen zuk\u00fcnftige Generationen f\u00fcr unentschuldbar halten werden, kann ich korrekterweise keine Art weglassen. Ja, es erscheint unwahrscheinlich, dass Religion in 100 Jahren ausser Mode ger\u00e4t, aber auch nicht unwahrscheinlicher, als es jemand im Jahre 1880 erschienen w\u00e4re, dass Schulkindern im Jahre 1980 beigebracht wird, dass Masturbation v\u00f6llig normal ist und dass man kein schlechtes Gewissen zu haben braucht deswegen.<\/p>\n<p>[<a name=\"f6n\"><\/a>] Ungl\u00fccklicherweise kann die Ladung sowohl aus guten als auch aus schlechten Gebr\u00e4uchen bestehen. Zum Beispiel gibt es bestimmte Qualit\u00e4ten, die gewisse Gruppen in Amerika als \u00ab\u00a0sich weiss verhalten\u00a0\u00bb betrachten. In Tat und Wahrheit k\u00f6nnte man die meisten \u00ab\u00a0sich Japanisch verhalten\u00a0\u00bb nennen. Es ist nichts besonders weisses an diesen Gebr\u00e4uchen. Sie sind allen Kulturen gemein, die eine lange Tradition des in-den-St\u00e4dten-lebens aufweisen. Wenn eine Gruppe sich durch das Gegenteil definiert, so steht sie damit vermutlich auf verlorenem Posten.<\/p>\n<p>[<a name=\"f7n\"><\/a>] In diesem Kontext bedeutet \u00ab\u00a0Themen\u00a0\u00bb grunds\u00e4tzlich \u00ab\u00a0Dinge, \u00fcber die wir L\u00fcgen erz\u00e4hlen werden.\u00a0\u00bb Deshalb haben diese Bereich einen besonderen Namen.<\/p>\n<p>[<a name=\"f8n\"><\/a>] Mayle, Peter, <em>Why Are We Getting a Divorce?<\/em>, Harmony, 1988<\/p>\n<p>[<a name=\"f9n\"><\/a>] Die Ironie daran ist folgende: Dies ist gleichzeitig der Hauptgrund, weshalb Kinder Erwachsene anl\u00fcgen. Falls du ausflippst, wenn dir die Leute alarmierende Dinge erz\u00e4hlen, dann werden sie eben aufh\u00f6ren, sie dir zu erz\u00e4hlen. Teenager erz\u00e4hlen ihren Eltern nicht, was an jenem Abend passiert ist, als sie bei einem Freund \u00fcbernachten sollten, aus demselben Grund, aus dem Eltern ihrem F\u00fcnfj\u00e4hrigen nicht erz\u00e4hlen, was es genau mit dem Thanksgivings-Truthahn auf sich hat. Sie w\u00fcrden ausflippen, wenn sie es w\u00fcssten.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: verdana;font-size: x-small\"><strong>Danke<\/strong> an Sam Altman, Marc Andreessen, Trevor Blackwell, Patrick Collison, Jessica Livingston, Jackie McDonough, Robert Morris, and David Sloo f\u00fcr das Lesen der Entw\u00fcrfe dieses Essays.  Und da es einige kontroverse Ideen hier hat, sollte ich erg\u00e4nzen, dass keiner von ihnen mit allem einverstanden war.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Graham hat diesen grossartigen Essay geschrieben, der mir derart gut gef\u00e4llt, dass ich ihn auf Deutsch \u00fcbersetzt und hier publiziert habe. Das Original ist hier zu finden. Mai 2008: L\u00fcgen, die wir Kindern erz\u00e4hlen (Paul Graham) Erwachsene l\u00fcgen Kinder <span class=\"excerpt-dots\">&hellip;<\/span> <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/archives\/167\/lies-we-tell-kids\/\"><span class=\"more-msg\">Lire la suite &rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-167","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-relationships"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=167"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/167\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/heiniger-net-archive.blog-net.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}